Der Oberbürgermeister von Saarbrücken Uwe Conradt (CDU) dreht den kritischen Saarbrücker Heften den Geldhahn zu

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Pressemitteilung                                                          

Nach Absage von OB Conradt

Saarbrücker Heften droht das finanzielle Aus

Der ältesten Kulturzeitschrift des Saarlandes, den Saarbrücker Heften, droht das Aus. Der Grund:  Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU) lehnt eine weitere finanzielle Unterstützung des 1955 von der Stadt gegründeten Blattes ab.

Erster Herausgeber war das Saarbrücker Kultur- und Schulamt, 1989 übernahm der gemeinnützige Verein „Saarbrücker Hefte e.V.“ die Geschäfte. Bis zum Jahr 2006 wurden die Hefte aus Mitteln des städtischen Haushaltes finanziert. Damals beschloss eine städtische Koalition aus CDU und FDP, das Kulturprojekt aus dem Etat zu streichen. Danach wurde die Halbjahreszeitschrift mit jährlich 10 000 Euro aus dem persönlichen Verfügungsfonds der Amtsvorgängerin von OB Conradt, Charlotte Britz (SPD), unterstützt. Mit diesem Betrag, ohne den die Existenz der Zeitschrift akut gefährdet ist, konnten die Kosten für Gestaltung, Druck und Vertrieb gedeckt werden. Den Rest akquirierte die ehrenamtlich arbeitende Redaktion aus anderen Quellen. Im Dezember vergangenen Jahres erschien die 120. Ausgabe, im Januar feierten die Saarbrücker Hefte ihr 65jähriges Bestehen.

Während die Bundesregierung sich aktuell um die finanzielle Unterstützung der von der Corona-Krise materiell besonders betroffenen Kulturschaffenden bemüht, lehnte OB Conradt nun den Antrag auf weitere Unterstützung der Saarbrücker Hefte ausgerechnet mit Hinweis auf die Pandemie ab. Ein persönliches Gespräch mit der Redaktion, die um ein Treffen gebeten hatte, sei wegen der „Krisenmaßnahmen nicht möglich“. Da man damit „rechnen“ müsse, „dass die Krise und die damit einhergehenden Einschränkungen für Wirtschaft, Kreativwirtschaft und viele andere Bereiche zahlreiche Notlagen an unterschiedlichen Stellen hervorrufen wird“, könne man keine Förderzusage für 2020 geben.

Redaktion und Trägerverein der Saarbrücker Hefte bemühen sich nun um alternative Finanzierungsmöglichkeiten. Gedacht ist unter anderem an eine Crowdfunding-Kampagne.

Die Saarbrücker Hefte können mit einer absetzbaren Spende über die Sparkasse Saarbrücken unterstützt werden: IBAN DE76 5905 0101 0078 1819 14                BIC: SAKSDE55XXX.

Kontakt: 0163 77 12049                                                         www.facebook.com/saarbrueckerhefte/

info@saarbrueckerhefte.de                                             

Offener Brief an den Oberbürgermeister

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Conradt,als Sie am 1. Oktober 2019 Ihren ersten Arbeitstag als Saarbrücker Oberbürgermeister antraten, haben wir, die Redaktion der Saarbrücker Hefte, Sie in unserem Glückwunschschreiben um einen Termin gebeten. Wir wollten Ihnen das redaktionelle Konzept der ältesten saarländischen Kultur- und Gesellschaftszeitschrift vorstellen und mit Ihnen über deren finanzielle Zukunft sprechen. Doch dazu kam es leider nie.Am 29. April erreichte uns nun ein Schreiben Ihrer Büroleiterin, in dem sie uns mitteilt, dass Ihnen „ein persönlicher Gesprächstermin aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie und den damit verbundenen Krisenmaßnahmen nicht möglich“ sei. „Vor dem Hintergrund“ könne man „leider keine Förderzusage für 2020 für die ‚Saarbrücker Hefte‘ machen“. Man bedaure, „keine positivere Antwort geben zu können“, und bittet um „Verständnis.“Verständnis? Machen wir einen Versuch: Die Geschichte der Saarbrücker Hefte begann im Jahr 1955, als Saarbrücken sich schon Universitätsstadt nennen durfte und bereits mit Hörfunk- und Fernsehsendern als Medienstadt in Erscheinung trat. Da passte es gut, wie es der damalige Saarbrücker Bürgermeister Peter Zimmer in seinem Geleitwort zu der ersten Ausgabe formulierte, eine für das Saarland und seine Nachbarräume repräsentative Zeitschrift zu gründen: die Saarbrücker Hefte. Der erste Herausgeber war das Saarbrücker Kultur- und Schulamt. Im Jahr 1989 übernahm dann der gemeinnützige Verein ‚Saarbrücker Hefte e.V.’ die Publikation und machte daraus „Die saarländische Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft“. Nach wie vor sorgte die Stadt dafür, dass die technischen Kosten (Gestaltung, Druck und Vertrieb) gedeckt wurden. Die ehrenamtlich arbeitende Redaktion besorgte den Rest. So blieben die Saarbrücker Hefte dank öffentlicher und privater Förderungen über 65 Jahre hinweg inhaltlich unabhängig und entwickelten sich zum festen Bestandteil des kulturellen und politischen Lebens im Saarland.Allerdings beschloss im Dezember 2006 die damals in der Landeshauptstadt regierende CDU/FDP-Koalition gegen den Widerstand der Grünen-, der SPD-Fraktion und der der Linken die finanzielle Unterstützung der Hefte einzustellen. Daraufhin übernahm die Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz mit jährlich 10 000 Euro aus dem ihr persönlich zustehenden Verfügungsfond die Förderung.Als nun Sie, Herr Conradt, zum Oberbürgermeister gewählt wurden, wünschten sich, wie gesagt, die für die Hefte Verantwortlichen ein Gespräch mit Ihnen. Die im letzten Jahr erweiterte Redaktion hat viele Pläne, die von einem attraktiven Online-Auftritt bis zur Digitalisierung der alten Ausgaben reichen. Gerade jetzt ist die Redaktion dabei, das Heft 121 vorzubereiten und deshalb haben wir Sie mit Schreiben vom 22. April um eine Entscheidung bezüglich unseres Antrags auf finanzielle Förderung gebeten.Der Inhalt der bisher 120 herausgegebenen Hefte ist ein wichtiges saarländisches Kulturgut und sollte jedem verfügbar gemacht werden. Viele erfahrene Journalisten und Publizisten konnten mit ihren Beiträgen zum Renommee dieser Zeitschrift beitragen. Praktisch alle dem Saarland verbundenen AutorInnen, haben schon für die Hefte geschrieben. Und nicht nur im Saarland spielen sie eine beachtliche Rolle. In puncto Geschichtsforschung bekamen die Saarbrücker Hefte im Jahr 2018 bundesweite Anerkennung: Unser ehemaliger Redakteur und Autor Julian Bernstein wurde für seinen Text „Historiker als Mythenproduzenten“ über die NS-Vergangenheit des früheren saarländischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder mit dem „Alternativen Medienpreis“ ausgezeichnet.Erstaunlicherweise erreichte Ihr Brief, den Sie am 23. April an „die Damen und Herren Künstler, Kulturschaffende, Pop-Kulturtreibende, Schausteller, Veranstalter, Spielstätteninhaber, Vertreter der Kreativwirtschaft“ verschickt haben, die Redaktion der Saarbrücker Hefte nicht. Mit diesem Brief wollten Sie als Leiter der Katastrophenschutzbehörde die Stellungnahmen der betroffenen Kulturschaffenden erfragen, weil Sie „zurzeit Konzepte und Rechtsfragen zu Möglichkeiten der Unterstützung“ erarbeiten. Wir versuchen zu verstehen, warum Sie keine Stellungnahme der Saarbrücker Hefte in Betracht zogen. Gehören die Saarbrücker Hefte in Ihren Augen nicht zur Kultur dieser Stadt?”Was wünschen Sie sichvon Ihrer Kommune in der jetzigen Situation?”, wollten Sie im gleichen Brief von den Saarbrücker Kulturschaffenden wissen. Hätten wir dieses Schreiben bekommen, wäre unsere Antwort: Offenheit in der Auseinandersetzung und dass die Betroffenen nicht gegeneinander ausgespielt werden.Während sich im ganzen Land Politiker bemühen, wegen der Pandemie Mittel für notleidende Kulturschaffende zu organisieren, werden wir, die ehrenamtliche Redaktion der Saarbrücker Hefte, in Ihrem Auftrag ausgerechnet mit Hinweis auf Corona abgewiesen.Es sei Pflicht, „ein so ernsthaftes Vorhaben wie die Saarbrücker Hefte in jeder Weise zu fördern“, so das Vermächtnis des ersten Präsidenten des saarländischen Landtags, des Saarbrücker Bürgermeisters und Widerstandskämpfers Peter Zimmer. Es ist schwer zu verstehen, Herr Conradt, dass Sie dieses Erbe nicht fortsetzen möchten.Trotz Corona ist die Arbeit am nächsten Heft weit fortgeschritten. Mehrere interessante Beiträge und Recherchen liegen uns bereits vor. Mit dabei sind, wie gewohnt, auch künstlerische Arbeiten und literarische Erstveröffentlichungen regionaler AutorInnen. Uns ist bewusst, dass wir keinen unverrückbaren Anspruch auf öffentliche Mittel haben. Jedoch ist die Existenz der Saarbrücker Hefte durch diese Absage gefährdet. Wir wünschen uns, dass darüber offen gesprochen und auch öffentlich diskutiert wird.Daher bitten wir Sie, Herr Oberbürgermeister, Ihre Entscheidung zu überdenken und Ihre Entscheidungsgründe der saarländischen Öffentlichkeit mitzuteilen.Für die Saarbrücker Hefte

Sadija Kavgic

Julian Bernstein

Bernhard Dahm

Klaus Gietinger

Bernd Nixdorf

Josef Reindl

Iris Schumacher

Wilfried Voigt

Laura Weidig

Reinhard Wilhelm